Eine Gülle-Kleinanlage ist eine kleine Hofbiogasanlage, deren Strom nach § 44 des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) besonders vergütet wird. Voraussetzung ist, dass im Kalenderjahr durchschnittlich mindestens 80 Masseprozent Gülle vergoren werden, der Strom am Standort der Biogaserzeugung entsteht und die installierte Leistung am Standort insgesamt höchstens 150 kW beträgt. Der gesetzliche anzulegende Wert liegt bei 22 ct/kWh bis 75 kW Bemessungsleistung und 19 ct/kWh bis 150 kW Bemessungsleistung. Für neue Anlagen sinken diese Werte jedes Jahr leicht.
Was das Gesetz unter einer Gülle-Kleinanlage versteht
Der Begriff „Gülle-Kleinanlage“ steht so nicht im Gesetz, hat sich aber für Anlagen nach § 44 EEG eingebürgert. Die Vorschrift regelt die Vergütung für Strom aus Biogas, das durch anaerobe Vergärung von Biomasse mit hohem Gülleanteil gewonnen wird. Den genauen Wortlaut finden Sie im § 44 EEG auf gesetze-im-internet.de.
Drei Voraussetzungen müssen zusammenkommen:
- Stromerzeugung am Standort: Das Biogas wird dort verstromt, wo es entsteht. Ein Satelliten-BHKW im Dorf, das über eine längere Gasleitung versorgt wird, passt nicht in dieses Modell.
- Höchstens 150 kW installierte Leistung: Gemeint ist die gesamte installierte elektrische Leistung am Standort, nicht nur ein einzelnes BHKW.
- Mindestens 80 Masseprozent Gülle im Jahresschnitt: Geflügelmist und Geflügeltrockenkot zählen dabei nicht als Gülle. Überjähriges Kleegras kann bis zu 10 Masseprozent angerechnet werden.
Die übrigen bis zu 20 Prozent dürfen andere Einsatzstoffe sein, etwa Futterreste, Grassilage, Kleegras oder Mais. Welche Stoffe sinnvoll sind, hängt von der Technik und der Fläche ab. Stoffe mit hohem Trockensubstanzgehalt brauchen zum Beispiel einen eigenen Feststoffeintrag, der die Investition erhöht.
Leistungsgrenzen: Bemessungsleistung und installierte Leistung
Bei Gülle-Kleinanlagen tauchen zwei Leistungsbegriffe auf, die oft verwechselt werden:
| Begriff | Bedeutung | Grenze bei § 44 EEG |
|---|---|---|
| Installierte Leistung | elektrische Nennleistung aller Generatoren am Standort | höchstens 150 kW |
| Bemessungsleistung | Jahresstrommenge geteilt durch die Stunden des Kalenderjahres | Stufen bis 75 kW und bis 150 kW |
Ein Beispiel: Eine Anlage mit 100 kW installierter Leistung, die im Jahr 657.000 kWh erzeugt, hat eine Bemessungsleistung von genau 75 kW (657.000 kWh geteilt durch 8.760 Stunden). Sie erhält damit vollständig den höheren Wert der ersten Stufe. Liegt die Bemessungsleistung darüber, wird nach § 23c EEG anteilig gerechnet: Der Strom bis 75 kW erhält den Wert der ersten Stufe, der Rest den niedrigeren Wert der zweiten Stufe.
Wichtig für die Praxis: Bis 100 kW installierter Leistung ist die feste Einspeisevergütung möglich. Wer darüber hinausgeht, muss den Strom direkt vermarkten und erhält eine Marktprämie. Details erläutert der Ratgeber zur EEG-Vergütung für Biogas.
Die 80-Prozent-Gülleregel im Alltag
Die Gülleregel gilt als Durchschnitt über das Kalenderjahr und bezieht sich auf die Masse der eingesetzten Stoffe, nicht auf deren Gasertrag. Das ist entscheidend: Gülle besteht überwiegend aus Wasser und liefert pro Tonne relativ wenig Gas. Schon kleine Mengen energiereicher Kofermente können deshalb einen großen Teil der Gasproduktion ausmachen, ohne die 20-Prozent-Grenze zu überschreiten.
Für den Nachweis führen Betreiber ein Einsatzstofftagebuch mit Art, Menge und Herkunft aller Stoffe. Fällt der Gülleanteil in einem Jahr unter 80 Prozent, entfällt für dieses Jahr der Anspruch auf den Wert nach § 44 EEG. Planen Sie daher Puffer ein, etwa für Jahre mit verringertem Tierbestand oder für Stallumbauten.
Wie viele Tiere braucht eine Gülle-Kleinanlage?
Die Frage nach dem nötigen Tierbestand lässt sich nur als Größenordnung beantworten. Gasertrag, Trockensubstanzgehalt der Gülle und Wirkungsgrad des BHKW schwanken von Betrieb zu Betrieb. Die folgende Überschlagsrechnung zeigt, wie man vorgeht:
- Strombedarf: 75 kW Bemessungsleistung entsprechen 657.000 kWh Strom pro Jahr.
- Gasbedarf: Bei einem elektrischen BHKW-Wirkungsgrad von grob 38 bis 40 Prozent und rund 10 kWh Energie je Kubikmeter Methan braucht die Anlage grob 165.000 bis 175.000 m³ Methan im Jahr.
- Biogasmenge: Bei 55 bis 60 Prozent Methan im Biogas sind das grob 275.000 bis 315.000 m³ Biogas.
- Güllemenge: Ein Kubikmeter Rindergülle liefert grob 20 bis 30 m³ Biogas. Mit einem mittleren Wert von 25 m³ ergibt sich ein Bedarf von grob 11.000 bis 12.500 m³ Gülle pro Jahr.
- Tierbestand: Eine Milchkuh liefert grob 15 bis 22 m³ Gülle pro Jahr, Hochleistungskühe eher am oberen Rand. Für eine 75-kW-Anlage mit reiner Rindergülle ergibt das grob 500 bis 700 Kühe, bei weniger Gülle je Tier auch mehr.
Mit 20 Masseprozent energiereicher Kofermente sinkt der Bedarf deutlich. Grassilage oder Mais liefern pro Tonne ein Vielfaches des Gasertrags von Gülle. Je nach Koferment kann sich die nötige Güllemenge dadurch grob halbieren. Diese Werte sind ausdrücklich Richtwerte. Mit Ihren eigenen Zahlen können Sie im Biogas-Rechner eine erste Einschätzung durchspielen.
Für welche Betriebe sich eine Gülle-Kleinanlage eignet
Eine Gülle-Kleinanlage passt vor allem zu Betrieben, die ohnehin große Güllemengen haben und diese lagern müssen. Typisch sind Milchvieh- und Rinderbetriebe, teilweise auch Schweinehalter. Vorteile sind die Nutzung eines Reststoffs, die Minderung von Methanemissionen aus dem offenen Güllelager und ein vergleichsweise homogener Gärrest.
Grenzen setzen die Wirtschaftlichkeit und der Arbeitsaufwand. Die Investition pro Kilowatt ist bei kleinen Anlagen hoch, und der tägliche Betrieb braucht Zeit und Know-how. Ein realistischer Kostenüberblick steht im Ratgeber Kosten einer Biogasanlage. Wer nur Gülle ohne Kofermente einsetzen möchte, findet die Besonderheiten im Beitrag zur Gülle-Monovergärung.
Wärme und Gärrest mitdenken
Ein BHKW erzeugt neben Strom etwa ebenso viel oder mehr nutzbare Wärme. Ein Teil davon wird gebraucht, um den Fermenter auf Temperatur zu halten, besonders im Winter. Der Rest kann Wohnhaus, Stall, Melkstand oder benachbarte Gebäude heizen. Jede Kilowattstunde Wärme, die Heizöl oder Gas ersetzt, verbessert die Wirtschaftlichkeit, wird aber nicht über das EEG vergütet.
Auch der Gärrest gehört in die Planung. Er fällt in fast derselben Menge an wie die eingesetzte Gülle und muss nach den Regeln des Düngerechts gelagert und ausgebracht werden. Ein vorhandener Güllebehälter kann oft als Gärrestlager weiter genutzt werden, wenn er technisch geeignet ist.
Nächste Schritte
Bevor Sie Angebote einholen, sollten Sie Ihre Güllemengen über ein Jahr erfassen, mögliche Kofermente prüfen und den Wärmebedarf am Hof abschätzen. Danach lohnt ein Gespräch mit spezialisierten Anlagenbauern, die Gülle-Kleinanlagen als Komplettsystem anbieten. Passende Firmen finden Sie im Anbieterverzeichnis für Biogasanlagenbau. Klären Sie außerdem früh die Genehmigungsfragen und den Netzanschluss, denn beides bestimmt den Zeitplan oft stärker als die Bauzeit.
Häufige Fragen
Zählt Festmist bei der 80-Prozent-Regel als Gülle?
Das EEG verweist für den Güllebegriff auf das EU-Recht, nach dem auch Mist mit Einstreu als Gülle gilt. Geflügelmist und Geflügeltrockenkot sind nach § 44 EEG ausdrücklich ausgenommen. Lassen Sie die Einordnung Ihrer Einsatzstoffe im Einzelfall durch Ihren Netzbetreiber oder Umweltgutachter bestätigen.
Darf eine Gülle-Kleinanlage mehr als 75 kW installiert haben?
Ja. Die installierte Leistung am Standort darf bis zu 150 kW betragen. Für die Vergütungsstufe entscheidet die Bemessungsleistung, also die im Jahr erzeugte Strommenge geteilt durch die Stunden des Jahres.
Was passiert, wenn der Gülleanteil in einem Jahr unter 80 Prozent fällt?
Dann sind die Voraussetzungen des § 44 EEG für dieses Kalenderjahr nicht erfüllt, und der erhöhte anzulegende Wert entfällt. Ein Einsatzstofftagebuch mit Mengen und Herkunft ist deshalb Pflicht im Alltag.
Muss eine Gülle-Kleinanlage an einer Ausschreibung teilnehmen?
Nein. Bei Gülle-Kleinanlagen wird der anzulegende Wert gesetzlich bestimmt. Eine Teilnahme an den Biomasse-Ausschreibungen der Bundesnetzagentur ist nicht nötig.
Wie viel Strom und Erlös bringt Ihr Tierbestand? Rechnen Sie es mit offenen Annahmen durch.
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